Dieses Grinsen im Gesicht, das sich seit gestern Abend, 20:48 dort festgesetzt hat?
Mittwoch, 21. Mai 2008, Gäulauf in der südpfälzischen Provinz. Gommersheim, im Niemandsland zwischen Rhein und Pfälzer Wald, abseits der großen Verkehrsströme. Das vorderpfälzische Gemüseland. Ein – für uns – neuer Lauf. Trotz inzwischen vierjährigen Laufens haben wir es nie dorthin geschafft. Vielleicht auch wegen des Termins – so mitten in der Woche, auch wenn am nächsten Tag Feiertag ist. Eine Rundreise durch die Dörfer des Landstrichs. Gommersheim, Freimersheim, Klein- und Großfischlingen, Venningen, Altdorf, Böbingen – wer kennt das?
Für mich der dritte Wettkampf innerhalb von 10 Tagen. Nach der neuen Halbmarathon-Bestzeit am Pfingstmontag und dem schnellen 10er am Sonntag nun noch ein Halbmarathon oben drauf. Es hat sich so ergeben und ich erspare mir das Tempotraining. Erwartungen? Definitiv keine. Keine Ahnung, was noch möglich ist. Den geplanten Dienstagslauf hatte ich kurzfristig ausfallen lassen. Etwas schwere Beine und das Bauchgefühl rieten mir zu einem Ruhetag.
Direkt nach der Arbeit angereist, füllte sich das Gelände nur langsam. Es würde eine überschaubare Veranstaltung werden. Immer wieder hielt ich Ausschau nach den besonders gekennzeichneten Halbmarathon-Startnummern, aber allzu viele wurden es nicht. Darunter natürlich die üblichen Verdächtigen, die man immer wieder bei den regionalen Veranstaltungen sieht. Familientreffen fast. Dazu einige einheimische Hobbyläufer, die der Gaudi wegen die 10 oder sogar 21 km in Angriff nehmen wollten.
Der Start war kurz nach 19:00 Uhr und wenige Minuten vorher hatte sich die Sonne hinter dicken schwarzen Wolken versteckt. Ein Segen, wie sich noch zeigen sollte. Es blieb trocken und mit knapp 17 °C waren die äußeren Bedingungen erträglich. 10-km-Läufer und Halbmarathonis starteten gemeinsam und am Anfang herrschte die übliche Enge. Aber relativ schnell hatten wir uns freigelaufen und die ersten 4,5 km liefen wir – Regina als 10er-Starterin – und ich mit knapp 5:15 etwas schneller los als ich ursprünglich geplant hatte. Nach der Trennung von 10er und Halbmarathonis war ich plötzlich alleine. Wieder mal. Kein Wunder, bei letztendlich 88 Halbmarathon-Finishern. Geschätzte 1 km vor mir konnte ich eine Läufergruppe erkennen, darin ein Läufer mit einer leuchtend hellgrünen Jacke. Das sollte für den Großteil des Laufes mein Anhaltspunkt bleiben. Mein Leuchtturm sozusagen. Wollte ich – nach dem schnellen Beginn – eigentlich etwas Tempo herausnehmen, machte ich mich nun auf die Aufholjagd. Die Pace blieb – mit einer Ausnahme – klar unter 5:20 pro km. Die Gruppe vor mir hatte sich inzwischen aufgelöst und der grünen Jacke kam ich nur langsam näher. Aber ich ließ nicht locker. Alleine mit mir. Konzentriert, ohne Ablenkung, laufen, laufen, laufen. Nicht nachlassen, immer nach vorn. Die Beine waren gut, ich hatte nicht das Gefühl, mich schonen zu müssen. Ob es gut geht? Die km-Zeiten bewegten sich Richtung 5:00. Normalerweise hätte mir das einen Schrecken einjagen müssen. „Das kannst Du nicht durchhalten, mach’ langsam, es ist noch so weit …“. Nix da. Laufen. Nach vorne. Konzentriert. Keine Zweifel. Die Kilometer flogen vorbei, manchmal war ich verwundert, wenn schon wieder eine Kilometer-Markierung auftauchte. Nach Kilometer 13 überholten mich zwei Läufer und setzen sich schnell ca. 200 m vor mir ab. Lass sie. Nicht hinreisen lassen, bleib’ bei Deinem Tempo. Die Grünjacke hatte inzwischen scheinbar selbst beschleunigt und ich kam nicht wirklich näher. Dafür kamen nun langsam andere Läufer in Schlagdistanz, die dem Anfangstempo Tribut zahlen mussten. Überholen. Weiter. Laufen. Kein Blick auf die Gesamtzeit, nur die Kilometer-Marken kontrollieren und weiter wundern. Immer noch knapp über 5:00/km.
Wunderbarerweise kam ich den beiden Überholern von vorhin wieder näher. Schritt für Schritt, langsam, aber doch. Ich war dran – was jetzt? Dranbleiben, etwas schonen, sich ein wenig ziehen lassen? Die Peinlichkeit riskieren, zu überholen, mich doch zu überschätzen und später nochmal „kassiert“ zu werden? Nix da – weiter. Vorbei. Immer weiter. Laufen, laufen, laufen … Dann kam die grüne Jacke wieder in Sicht. Die Distanz verringerte sich nun zusehends. Drei Kilometer vor dem Ziel. Wieder die Frage: Dranbleiben oder überholen? Vorbei. Weiter. Laufen. Immer noch konzentriert. Ganz in mir versunken. Keine Zweifel, kein Zaudern. Lauf! Inzwischen hatte ich – obwohl ich die Gesamtzeit absichtlich nicht kontrollierte – das Gefühl, dass eine ähnlich gute Zeit wie in Rülzheim herauskommen könnte. Kurz nach der „Grünjacke“, begann es in der rechten Wade zu ziehen. Innerhalb weniger Meter war auch der Oberschenkel betroffen. Aber ehrlich: kurz vor dem Ziel, auf gutem Kurs, gibt man dann auf? Nein – hopp oder topp. Zerrung, Krampf oder durchkommen. Den Schmerz ignorieren. Weiter. Laufen. Laufen. Immer noch „Zug“ nach vorne. Noch eine Schleife durch das Dorf, die letzten Meter. Regina kommt mir entgegen, ruft irgendwas – ich verstehe es nicht. Die letzte Ecke, der Blick fällt auf die Uhr, und da steht: 17 °C. Na toll. DAS wollte ich jetzt wissen. Noch 50 Meter, die Uhr springt um – und zeigt die Uhrzeit: 20:48. Warum kann hier nicht die Laufzeit stehen? Und dann – wie in Zeitlupe – und doch innerhalb weniger Meter wird es mir klar: Der Start war um 19:00 Uhr und ich habe eine 1:48 da stehen. Kann das sein? Durch die Zeitnahme, den Forerunner umgestellt und da steht es:
1:48:06.
Du bist doch bekloppt. Wie geht das denn? Kann gar nicht sein. Doch, es kann. Es ist so. Die Halbmarathon-Bestzeit innerhalb von 10 Tagen um 5 Minuten verbessert? Woher, wieso? Ich weiß es nicht. Die äußeren Umstände, das Fehlen der Sonne im offenen Gelände, was den Lauf erleichterte, die Kombination mit dem 10er drei Tage vorher …? Egal.
Nach Rülzheim hatte ich geschrieben, dass die 1:50 wohl noch in weiter Ferne seien. Margitta, Du hattest so recht. Keine Gedanken machen. Laufen, einfach laufen, irgendwann wird es klappen. Und wieder muss ich fragen: Darf man von sich selbst begeistert sein? Ein wenig – bis morgen noch, dann ist gut.
Die Beine sind wieder ok. Ich hab’ tatsächlich etwas Muskelkater, deshalb gab es heute einen Ruhetag mit nur einem kleinen Spaziergang (und einem großen Eis). Morgen wird wieder gelaufen und darauf freue ich mich schon. Jetzt ist erstmal Wettkampf-Pause. In drei Wochen wieder ein Halbmarathon, evtl. noch ein Staffellauf dazwischen – mehr als Spaß. Bis dahin soll der Körper jetzt mal schauen, wie er die drei Wettkämpfe kompensiert. Ich würde vorschlagen, je zur Hälfte in Ausdauer und Grundschnelligkeit verteilen. Wäre ganz ok.
Das Bild ist ca. 150 m vor dem Ziel enstanden – sieht doch noch ganz locker aus, der Kerl – oder?
Ja, man(n) darf von sich selbst begeistert sein – ist ja irre – ungeplant find ich diese tollen Läufe ja fast am besten. Und ich hoffe, dass das Grinsen noch lange anhält. Mächtigen Glückwunsch!
Yippieeeeeeeeeeeeeeeeee !
Gerhard, so ein Bericht gefällt mir, hast du erstens sehr lebhaft und nett beschrieben und zum zweiten schon wieder deine Best-Zeit auf Vordermann gebracht.
Danke, dass dir mein Rat ein wenig dabei geholfen hat. Die meisten trainieren einfach zu ehrgeizig auf ein Ziel dahin, sind im Training zu schnell, laufen sich kaputt und wundern sich, wenn sie weitab von ihren geplanten Vorstellungen im Ziel einlaufen.
Gut Ding braucht Zeit, und du siehst, ich hatte in diesem Fall Recht.
Schön, ich freue mich sehr und verstehe ebenso, dass du von dir begeistert und stolz auf dich bist.
Ja, der Kerl sieht noch ganz locker aus.
Dankeschön, Ihr zwei.
Ja – das sind die Tage, die alle Mühe vergessen lassen. Ein großer Satz nach vorne, nach Monaten (vermeintlichen) Stillstandes. Zweifellos besser als jede Droge, aber nicht weniger süchtigmachend.
Wow !
Klase Leistung. So eine Steigerung in so kurzer Zeit ist schon bemerkenswert ! Wenn das so weiter geht, läufst du unter 1.40. So weit ist das auch nicht mehr!