Sommernachtslauf Bellheim.
Einer der wenigen verbliebenen 25 km-Läufe. Schon alleine wegen der Länge kein Lauf für “jedermann”, das offiziell bestehende Zeitlimit von 2:30 (auch wenn das wohl noch nie durchgesetzt wurde) vielleicht ein zusätzliches Hindernis.
Trotzdem finden sich jedes Jahr eine Menge Laufwillige (dieses Jahr 648 Ins-Ziel-kommer – es waren aber auch schon einige hundert mehr) ein, um die lange, flache und schnelle Strecke unter die Füße zu nehmen. Perfekt auch der Zeitpunkt im August – ein idealer Lauf, um während des Trainings für die Herbst-Marathons eine Standortbestimmung durchzuführen.
So auch bei mir. Mein Trainingsplan sah für dieses Wochenende einen Halbmarathon-Test im angestrebten Marathon-Tempo vor, in meinem Fall sollte es also auf einen Schnitt von 5:35/5:40 min für den Kilometer hinauslaufen.
Die Voraussetzungen waren gemischt. Zwar liege ich perfekt “im Plan” und stelle bemerkenswerte Fortschritte fest, aber meine beiden bisherigen Teilnahmen in Bellheim waren eher so “lala” und nach den Läufen ging es mir bemerkenswert schlecht – keine Ahnung warum. Zudem war es zum Start schwül und dampfig – keine Voraussetzungen für besondere Leistungen meinerseits.
Der Plan: 3 Kilometer mit ca. 6:00 min/km langsam “einrollen”, dann die restlichen 22 km im angedachten Tempo. Große Zweifel, ob ich das durchstehen könnte.
Pünktlich um 19 Uhr erfolgte der Startschuss. Die ersten 5 km führen in Schneckenform durch das Dorf, bevor es auf die lange Schleife durch die Orte Westheim, Lustadt, Zeiskam und wieder zurück nach Bellheim geht. Wieder einmal hatte ich mich bescheiden weit hinten eingeordnet, aber dort war es mir definitiv ZU langsam. Also Tempo aufnehmen und erstmal überholen.
Trotz der drückenden Schwüle ging das Laufen flott voran – von drei “langsamen” Kilometern war keine Rede mehr. 5:30 im Schnitt waren locker zu laufen, wenngleich ein schlechtes Gewissen im Hintergrund Mäßigung verlangte. “Ich laufe jetzt mal so weiter, bis wir aus dem Dorf draußen sind, dann sehen wir weiter”. Gedacht – Getan. 5 km vorbei und spätestens jetzt sollte der Läufer wissen, ob “was” geht oder nicht. Überaschenderweise war ich überzeugt, dass heute “was” gehen würde – also weiter im “angenehm fordernden Tempo”, wie es mein Trainingsplan so treffend beschreibt. Flott vorwärts, nie am Anschlag, aber auf der Überholspur. Ich suchte mir diverse Gruppen und Läufer unterwegs, bei denen ich glaubte, mich “dranhängen” zu können, aber irgendwie waren alle zu langsam.
Inzwischen hatte sich der Himmel komplett zugezogen, Gewittergrollen kam auf, ab und zu ein Blitz und bei Kilometer 10 kam die Sinntflut. Innerhalb weniger Minuten schwamm ich in meinen Schuhen. Klatschnass, kühler Wind – und immer noch Zuschauer an der Strecke. Respekt! Bei Kilometer 14 war der Wolkenbruch vorbei und es gab zur Belohnung frische, klare Luft! Langsam lief ich wieder auf Läufer auf, die auf den ersten Kilometern noch davonzogen. Zwar langsam müde, aber noch immer mit viel Zug nach vorne.
Laufen. Vorwärts. Kein Nachlassen. Keine Zweifel.
Lauter “Schleicher” – die Überholspur gehört mir!
Ein letzter Kilometer knapp über 5:00 min/km war die Bestätigung, dass der Trainingsplan greift und erstaunliche Wirkung zeigt.
2:16:29 netto waren im Vergleich zum Sieger (1:30:47) sehr bescheiden, für mich allerdings ein nie erwartetes “Aha-Erlebnis”.
5:25 min/km im Schnitt – 10 Sekunden pro Kilometer schneller als erhofft und keinesfalls völlig am Ende.
Der Marathon kann kommen – da “geht” was?
Schön, wenn Plan und Wirklichkeit in die Richtung verändert sind.
Beim ersten Blitz hätte ich mich allerdings ins nächstbeste Einfamilienhaus verkrochen (Angsthase).
Nein – ich hatte keine Angst.
Ich war ja nicht alleine …
Lauter „Schleicher“ – die Überholspur gehört mir!
Schön wieder mal von Dir zu lesen und das hört sich auch noch so verdammt gut an
Hallo Julia,
ich hoffe, dass auf diesen Anflug von Hochmut beim Marathon nicht der tiefe Fall kommt. Aber es fühlte sich halt sooooooo gut an …
Grüße